Wann haben wir begonnen, die Interessen vieler Frauen den Forderungen Einzelner unterzuordnen?
Der Fall im Marzilibad beschäftigt mich, nicht nur als Politikerin, sondern auch ganz persönlich. Als Jugendliche wohnte ich vis-à-vis des Marzilibads in Bern. Ich kenne diesen Ort seit meiner Jugend. Für unzählige Frauen war und ist der Frauenbereich ein geschützter Rückzugsort – ein Ort, an dem sie sich sicher fühlen und ihre Privatsphäre gewahrt wissen.

Heute scheint genau dieser Schutz plötzlich nicht mehr selbstverständlich zu sein.
Mich macht fassungslos, wie leichtfertig die Sorgen und Ängste von Frauen beiseitegeschoben werden. Frauen, die sich in einem geschützten Bereich unwohl fühlen, werden innert kürzester Zeit in die Ecke der Intoleranten gestellt. Dabei stellen sie lediglich eine berechtigte Frage: Wer schützt eigentlich noch die Frauen?
Ausgerechnet jene politischen Kreise, die unermüdlich Toleranz und Vielfalt einfordern, zeigen oft erstaunlich wenig Toleranz gegenüber Frauen, die ihre Intimsphäre schützen möchten. Wer nicht der gewünschten Meinung ist, wird moralisch abgeurteilt, diffamiert oder zum Schweigen gebracht. Das ist keine gelebte Vielfalt. Das ist ideologische Einseitigkeit.
Toleranz darf niemals bedeuten, dass sich eine grosse Mehrheit den Forderungen Einzelner beugen muss. Toleranz bedeutet, die Interessen aller ernst zu nehmen, auch jene der Frauen, für die geschützte Räume geschaffen wurden.
Ich frage mich ernsthaft, wohin wir uns als Gesellschaft bewegen. Müssen Frauen künftig überall zurückstehen? In Umkleiden? In Duschen? In Frauenhäusern? Im Frauensport? Wo ziehen wir die Grenze? Oder dürfen solche Fragen gar nicht mehr gestellt werden?
Besonders bemerkenswert finde ich das heutige Interview mit dem langjährigen Freiburger SP-Stadtpräsidenten Thierry Steiert. Er sagt offen, was viele Menschen – auch innerhalb der SP – längst denken: Die Partei verliere sich zunehmend in Symbol- und Genderdebatten, während die wirklichen Sorgen der Bevölkerung in den Hintergrund geraten. Kaufkraft, Krankenkassenprämien, Wohnungsnot, Versorgungssicherheit – das sind die Themen, welche die Menschen beschäftigen. Nicht ideologische Grabenkämpfe um immer neue Identitätsfragen.
Es braucht Mut, dies als SP-Urgestein öffentlich auszusprechen. Umso mehr sollte uns das zu denken geben.
Für mich ist klar: Frauenrechte sind keine Nebensache. Der Schutz der Privatsphäre von Frauen ist keine Diskriminierung. Und wer berechtigte Sorgen von Frauen pauschal als intolerant oder rückständig abtut, trägt nicht zu einer offenen Gesellschaft bei, sondern spaltet sie.
Ich werde mich weiterhin dafür einsetzen, dass Frauenräume auch tatsächlich Frauen Schutz bieten. Ohne ideologische Scheuklappen. Ohne Denkverbote. Und mit dem Mut, auch unbequeme Fragen zu stellen.
Stephanie Ritschard, Kantonsrätin
