Gefährliche Kurzsichtigkeit
Wer heute durch die Schweiz fährt, sieht die Realität: Überfüllte Züge, Staus auf unseren Strassen, Explodierende Mieten, kaum mehr bezahlbarer Wohnraum, überlastete Schulen, überlastete Gesundheitsstrukturen, immer höhere Krankenkassenprämien, immer mehr Kulturland, das verschwindet. Und trotzdem wird uns erklärt, die Lösung liege in noch mehr Wachstum.

Heute Morgen öffnete ich mein E-Mail-Postfach.
Absender: economiesuisse.
Titel: «Standpunkt – Gefährliche Kurzsichtigkeit»
Ich begann zu lesen. Und je weiter ich las, desto mehr fragte ich mich: Wer ist hier eigentlich kurzsichtig? Ehrlich gesagt hat mich dieses Schreiben nachdenklich gemacht.
Nicht weil jemand eine andere Meinung vertritt. Sondern weil ich zunehmend das Gefühl habe, dass zwischen manchen wirtschaftspolitischen Stellungnahmen und dem Alltag vieler Menschen in unserem Land eine wachsende Kluft entstanden ist.
Hier Wachstumsprognosen und Statistiken.
Dort Menschen, die täglich mit den Folgen dieser Entwicklung leben.
Sie sprechen von Wachstum.
Die Menschen sprechen von Wohnungsnot.
Sie sprechen von Statistiken.
Die Menschen sprechen von steigenden Krankenkassenprämien.
Sie sprechen von Prognosen.
Die Menschen stehen täglich im Stau oder in überfüllten Zügen.
Sie sprechen von immer mehr Zuwanderung.
Die Menschen fragen sich, wie ihre Kinder später noch bezahlbaren Wohnraum finden sollen.
Genau diese Distanz macht mir Sorgen.
Denn ich sitze nicht den ganzen Tag in Sitzungszimmern. Ich verbringe meine Zeit nicht ausschliesslich mit Studien, Präsentationen und theoretischen Modellen.
Ich bin Unternehmerin.
Ich bin Kantonsrätin.
Und vor allem bin ich jeden Tag im Gespräch mit Menschen. Mit Arbeitnehmenden, Stellensuchenden, Ärzten, Pflegefachpersonen, Handwerkern, KMU und Familien. Mit Menschen, die sich Sorgen machen. Mit Menschen, die dieses Land tragen.
Deshalb teile ich die Einschätzung von economiesuisse nicht.
Meine Erfahrungen aus dem Arbeitsmarkt, aus der Politik und aus dem direkten Austausch mit Unternehmen führen mich zu einem anderen Schluss.
Ich brauche keine Hochglanzbroschüren und keine theoretischen Modelle, um die Entwicklung unseres Landes zu beurteilen.
Ich erlebe die Realität jeden Tag
Wer heute durch die Schweiz fährt, sieht die Realität: Überfüllte Züge, Staus auf unseren Strassen, Explodierende Mieten, kaum mehr bezahlbarer Wohnraum, überlastete Schulen, überlastete Gesundheitsstrukturen, immer höhere Krankenkassenprämien, immer mehr Kulturland, das verschwindet. Und trotzdem wird uns erklärt, die Lösung liege in noch mehr Wachstum.
Noch mehr Menschen. Noch mehr Verdichtung. Noch mehr Belastung. Genau hier beginnt für mich die eigentliche Kurzsichtigkeit.
Denn die entscheidende Frage wird konsequent ausgeblendet: Wenn die Schweiz seit 1990 um über zwei Millionen Einwohner gewachsen ist, weshalb sprechen wir heute mehr denn je über Fachkräftemangel? Weshalb fehlen Wohnungen? Weshalb steigen die Gesundheitskosten? Weshalb geraten Infrastruktur, Verkehr und Bildung zunehmend unter Druck?
Die Antwort ist offensichtlich: Weil unbegrenztes Wachstum nicht nachhaltig ist.
Wer glaubt, jedes Problem lasse sich mit noch mehr Wachstum lösen, denkt nicht nachhaltig, sondern kurzfristig. Für jeden zusätzlichen Arbeitsplatz braucht es Wohnraum, Infrastruktur, Schulen, Gesundheitsversorgung, Verkehrskapazitäten und Energie. Genau darüber wird viel zu wenig gesprochen.
Besonders irritierend ist die Behauptung, eine Begrenzung der Zuwanderung gefährde unsere Beziehungen zu Europa oder gar unsere Sicherheit. Die Schweiz ist ein souveräner Staat. Seit wann darf die Schweiz nicht mehr selbst darüber diskutieren, wie viele Menschen sie langfristig aufnehmen und integrieren kann? Seit wann ist es unsolidarisch, die Belastungsgrenzen unseres Landes anzusprechen? Seit wann gilt es als extrem, die Sorgen der eigenen Bevölkerung ernst zu nehmen?
Und noch etwas möchte ich ganz klar sagen:
Wir Schweizerinnen und Schweizer sind nicht faul
Immer wieder entsteht der Eindruck, als könnten wir unseren Wohlstand nur erhalten, wenn laufend neue Menschen ins Land kommen, weil die eigene Bevölkerung angeblich nicht mehr bereit sei, Leistung zu erbringen. Dieses Land wurde nicht durch Bequemlichkeit aufgebaut. Nicht durch schöne Strategiepapiere. Nicht durch Verbandsfunktionäre in Sitzungszimmern. Nicht durch Wachstumsprognosen. Die Schweiz wurde aufgebaut von Generationen von Menschen, die früh aufgestanden sind, Verantwortung übernommen, Unternehmen gegründet, Lehrlinge ausgebildet, Steuern bezahlt und dieses Land mit Fleiss, Schweiss und Innovationskraft stark gemacht haben. Von unseren Eltern, Grosseltern und Urgrosseltern. Und ja, selbstverständlich auch viele Menschen, die zu uns gekommen sind, sich integriert und einen wertvollen Beitrag geleistet haben.
Doch Verantwortung bedeutet auch, Grenzen zu erkennen. Nachhaltigkeit bedeutet nicht grenzenloses Wachstum. Nachhaltigkeit bedeutet Verantwortung gegenüber kommenden Generationen.
Wer über Nachhaltigkeit spricht, muss auch den Mut haben, über Bevölkerungswachstum zu sprechen. Ohne Scheuklappen. Ohne Denkverbote. Und ohne die Sorgen der Bevölkerung ständig kleinzureden. Die Schweiz braucht Weitsicht. Die Schweiz braucht Ehrlichkeit. Und die Schweiz braucht den Mut, offen über die Folgen eines ungebremsten Bevölkerungswachstums zu diskutieren.
Vielleicht liege ich falsch. Vielleicht haben die Strategen, Ökonomen und Verbandsvertreter recht.
Doch wenn ich auf die Gespräche schaue, die ich täglich mit Arbeitnehmenden, Familien, Ärzten, Pflegefachpersonen, Stellensuchenden und KMU führe, dann komme ich zu einem anderen Schluss.
Darum sage ich am 14. Juni überzeugt:
JA zur Nachhaltigkeitsinitiative
JA zu einer Schweiz mit Weitsicht
JA zu einer Politik, die wieder zuerst an die Menschen denkt, die hier leben, arbeiten und unsere Zukunft tragen
Weil echte Nachhaltigkeit dort beginnt, wo man den Mut hat, unbequeme Fragen zu stellen.
Stephanie Ritschard, Kantonsrätin
