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Wenn Politik und Realität immer weiter auseinanderdriften

Das kürzlich erschienene Interview der Stadtpräsidentinnen von Biel und Solothurn hat mich nachdenklich gemacht. Nicht weil Probleme angesprochen wurden, sondern weil erneut der Eindruck entstand, die Bevölkerung müsse vor allem beruhigt, belehrt oder moralisch eingeordnet werden, statt die Realität endlich offen anzusprechen.

Viele Menschen erleben die Entwicklung in unserem Land längst anders.
Sie erleben:

  • Steigende Gewalt
  • Unsicherheit im öffentlichen Raum
  • Überlastete Infrastrukturen
  • Wohnungsnot
  • Verkehrschaos
  • steigende Gesundheitskosten
  • Integrationsprobleme
  • und einen zunehmenden Druck auf den Alltag.

Gerade in Städten und Agglomerationen spüren dies viele Bürgerinnen und Bürger täglich ganz konkret. Eltern machen sich Sorgen um Schulwege. Frauen fühlen sich nachts unsicherer. Pendler stehen täglich im Stau oder in überfüllten Zügen. Familien finden kaum noch bezahlbaren Wohnraum. Gemeinden kämpfen mit immer höheren Sozial- und Infrastrukturkosten.
Und trotzdem wird jede kritische Diskussion über Wachstum, Zuwanderung oder Belastungsgrenzen reflexartig als „Angstmacherei“, „Populismus“ oder „falsches Narrativ“ dargestellt.

Genau diese Haltung sorgt zunehmend für Frust. Denn die Menschen sind nicht blind. Sie sehen sehr wohl, dass unser Land an vielen Orten an Grenzen stösst. Sie erleben, dass Systeme immer stärker unter Druck geraten. Und sie fragen sich völlig berechtigt, wie lange ein kleines Land wie die Schweiz dieses Tempo bei Wachstum und Verdichtung überhaupt noch tragen kann.

Besonders irritierend ist dabei die Doppelmoral vieler politischer und wirtschaftlicher Akteure: Wer auf Probleme hinweist, wird moralisch belehrt. Wer jedoch permanent mit Chaos-, Angst- und Untergangsszenarien gegen jede Begrenzungsdiskussion kämpft, gilt plötzlich als verantwortungsvoll.
Dabei braucht die Schweiz dringend eine ehrliche Debatte:

  • Wie viel Wachstum ist langfristig tragbar?
  • Wie sichern wir Lebensqualität, Sicherheit und Infrastruktur?
  • Wie verhindern wir sozialen Druck und zunehmende Spannungen?
  • Und wie stellen wir sicher, dass die Bevölkerung mit dieser Entwicklung überhaupt noch mitkommt?

Diese Fragen offen zu diskutieren, ist nicht Abschottung – sondern Verantwortungsbewusstsein.
Denn nachhaltige Politik besteht nicht darin, Probleme möglichst lange schönzureden oder jede Kritik reflexartig abzuwerten. Nachhaltige Politik bedeutet, Entwicklungen frühzeitig ernst zu nehmen, bevor sie ausser Kontrolle geraten. Viele Bürgerinnen und Bürger haben längst das Gefühl, dass ihre Sorgen zwar gehört, aber nicht wirklich ernst genommen werden. Genau dieses Gefühl treibt die gesellschaftliche Spaltung zunehmend voran.

Vielleicht wäre es deshalb an der Zeit, weniger moralisch zu urteilen und endlich wieder näher an die Realität der Bevölkerung heranzurücken.

Stephanie Ritschard, Kantonsrätin

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